Ausgezeichnete Biodiversität in OWL: „Der Wald spricht viele Sprachen“

2011 – 2020 haben die Vereinten Nationen zur Dekade der Biologischen Vielfalt ausgerufen. Damit versuchen die UN besonders drängenden und wichtigen Menschheitsthemen die  notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Möglicherweise ist „Biodiversität“, die Artenvielfalt ein viel zu abstrakter Begriff. Leider verwenden wir ihn bisweilen in der Politik allzu  routiniert, dachte ich Sonntagmorgen in der Bad Lippspringer Gesamtschule. Wie sich aber in OWL, im besonderen in Bad Lippspringe zeigt, lässt dies einfach realisieren und verknüpft bestens die Schnittstelle von Natur und sozialem Zusammenhalt: Die Umwelt-Bildungs-Initiative OWL (UBI) wurde für ihr Waldprojekt mit Flüchtlingskindern mit dem Qualitätssiegel der UN-Dekade ausgezeichnet.

Viele Grüne (Foto) engagieren sich in der Umweltbildung, kein Wunder bei unserem Parteikern. So wunderte es mich auch nicht, dass wohl einige Sozialdemokraten bei der Verleihung dabei waren, aber alle anderen Abgeordneten fehlten. Dabei geht es doch um die Überlebensfrage der Artenvielfalt und des Naturverständnisses plus dem Punkt unseres sozialen Zusammenhalts. Die drängenden Umweltfragen dürfen wir im politischen Alltagsgeschäft nicht vergessen und nicht – wie es beim „Kanzler-Duell“ angekündigt passieren wird – ins Off schießen. Vielleicht fehlt bei einen politischen Mitbewerbern einfach diese kleine praktische Erfahrung, die das heimische Beispiel auszeichnet.

„Der Wald spricht viele Sprachen“ klinge viel anregender und eingängiger, sei eine „schöne Umsetzung“ lobte jetzt Dr. Christiane Paulus in ihrer Laudatio die UBI. Für ihr Waldprojekt mit Flüchtlingskindern in erster Linie, aber auch für das gesamte Arbeitsspektrum nachhaltiger Entwicklung bekommt UBI das Qualitätssiegel der UN-Dekade, erklärte die Leiterin der Unterabteilung „Naturschutz“ im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

„Soziale Natur – Natur für Alle“ ist das Leitmotiv für den Sonderwettbewerb im Rahmen der UN-Dekade. Dies sei der Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ein ganz besonderes Anliegen. „Naturschutzfachleute haben Nachholbarf für soziale Perspektive“, erläutert Paulus. Aus über 150 Vorschlägen habe die Jury ausgewählt und Punkte für Vorbild- und Multiplikatoren-Wirkung verteilt. Das Walderlebnis spricht viele Gefühlsebenen an und habe beruhige Wirkung auf traumatisierten Kinder. UBI stifte an, über den Kreis der Schulkinder und Flüchtlinge hinaus.

Gleich vier praktische Felder listet der Bürgermeister Andreas Bee aus Bad Lippspringe auf:  Die Kooperationen mit Concordia-Grundschule und Gesamtschule in Bad Lippspringe, der Urban-Gardening-Laden in der Fußgängerzone mit seiner cleveren, pfiffigen Art, wie man auf kleinsten Raum intelligent gärtnern kann und das stark nachgefragte Grüne Klassenzimmer zur Landesgartenschau, In seiner Jugend musste der Bürgermeister den Garten umgraben. Jetzt müsste man die Kinder an die Hand nehmen, damit sie Erfahrungen im Wald und Garten machen. Damit setzt er den Grundton bei der Preisverleihung.

Der stellvertretende Landrat Vincenz Heggen gratuliert zur Auszeichnung, weil UBI einen wertvollen Beitrag zur Integration der geflüchteten Kinder geleistet habe durch das „Eintauchen in die Naturprozesse und Überwinden der Sprach- und Kulturgrenzen“.  Die Nachhaltigkeit des Projektes begründet den Einklang der Natur, wo der Mensch heute oft im Konflikt mit der Natur lebe. „Jungen Menschen eigene Naturerlebnisse zu vermitteln, und außerschulische Lernorte aufzusuchen“, lobt Heggen – selbst alter Schulrektor – den erfolgreichen UBI-Ansatz für nachhaltige Entwicklung. „Planst Du ein Jahr, so säe Korn. Planst Du ein Jahrtausend, so pflanze Bäume“, zitiert er den chinesischer Philosophen und Minister Kuan Chung Tzu (350 bis 290 vor Christus).

Ganz so simpel funktioniert das Welt-aneignen dann doch nicht. Matthias Schmitt, Konrektor der Gesamtschule, berichtet davon, dass Kinder nicht mehr natürlich spielen könnten. Platt fielen sie im Sportunterricht auf den Boden, könnten kaum balancieren, geschweige denn auf Bäume klettern. Auch der andere UBI-Vorstand Fred Lüke schildert, dass er als Eisbrecher eines Waldtages Kinder gefragt habe: Wer war schon mal im Wald? Nur die Hälfte habe aufgezeigt. Und bei der Nachfrage, wer ein Smartphone besitze, melden sich 80 %.  Die Gesamtschule will das Naturerbe pflegen mit einer Hühner-AG und eigener Imkerei.

Aber es gibt Hoffnung. An einer Buche lauschend erzählt der kleine Achmed ein syrisches Flüchtlingsjunge: „Ich höre das Herz des Baumes schlagen“. Da ist er endlich, der Moment des wieder gewonnenen Einklangs mit der Natur.

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